Im Gespräch mit zwei Bezirksaposteln

Im März gaben Bezirksapostel Rainer Storck und Bezirksapostel i.R. Bernd Koberstein in einem Interview Einblicke in ihre jeweils neue Lebenssituation. Ausblick für den einen und Rückblick für den anderen sowie Fragen zur sprachlichen und kulturellen Vielfalt in den von der Gebietskirche Westdeutschland betreuten Bereichen auf den verschiedenen Kontinenten bestimmen den ersten Teil des Interviews.

Bezirksapostel Koberstein, Sie haben heute Ihren ersten Gottesdienst als Ruheständler erlebt. Wie war es, in der Bank zu sitzen?

Es war wunderschön. Den ersten Gottesdienst im Ruhestand gleich mit dem neuen Bezirksapostel erleben zu dürfen, war eine Freude für mich. Es ist eine tolle Gemeinde hier in Bensheim, und es ist einfach schön, jetzt zu genießen.

Bensheim ist Ihre neue und alte Heimatgemeinde. Wo sitzen Sie denn künftig hier in der Bank: vorn in der ersten Reihe oder eher im hinteren Drittel?

Also, das wird sich ergeben. In der ersten Reihe werde ich aber sicherlich nicht sitzen: Ich werde erreichbar für meine Enkel meinen Platz suchen, die vielleicht nach dem Kinderunterricht zu mir kommen. Auch kann ich mir gut vorstellen, nach einer Übungsphase noch mal im Chor mitzusingen.

Bezirksapostel Storck, 650.000 neuapostolische Christen leben in Ihrem erweiterten Arbeitsbereich. Wenn Sie allen in einem Gemeindegottesdienst begegnen wollten, ständen Ihnen etwa 4.000 Gottesdienste bevor. Wie planen Sie die nächsten vierzig Jahre?

Ich plane erst einmal die nächsten fünf bis sechs Jahre. Irgendwo in dem Bereich wird sich dann auch mein Ruhestand abspielen. In sechs Jahren werde ich 66 Jahre alt werden. Allen in einem Gemeindegottesdienst zu begegnen, ist natürlich nicht möglich. Ich werde versuchen, so viele Geschwister wie möglich zu erreichen und Schwerpunkte zu setzen, wo ich hingehe. Ich versuche aber auch, weit entlegene Gebiete zu erreichen. In den betreuten Gebietskirchen verlasse ich mich auf das Votum der zuständigen Apostel, möchte aber auch eigene Akzente setzen.

 „Wir schaffen das gemeinsam“, also nicht “Ich schaffe das“, sondern wir gemeinsam, das waren Ihre Worte in Dieburg vor der Beauftragung zum Bezirksapostel für Westdeutschland. Wie kann ich Sie als einfaches Gemeindemitglied unterstützen?

„Wir schaffen das gemeinsam“ war keine Höflichkeitsfloskel. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass es allein nicht zu schaffen ist. Selbstverständlich muss ich meine Aufgabe wahrnehmen, ich muss führen, aber es ist eine gemeinsame Aufgabe. Das Gemeindemitglied vor Ort, unterstützt mich durch Gebete, durch Wohlwollen und dadurch, dass es sich einbringt in die Gemeinde. Wir wollen uns gegenseitig helfen, wollen gemeinsam etwas machen, und wenn jeder sich nach Kräften einbringt ist das Unterstützung für unsere Kirche und für die Gemeinde. Das ist das, was ich damit meine.

Eine so große Gebietskirche zu leiten, ist eine Herausforderung. Wo sehen Sie Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Ich sehe es als meine Aufgabe, das umzusetzen, was der Stammapostel sagt und was aus der Bezirksapostelversammlung kommt. Dann müssen wir überlegen, wie wir das in den einzelnen Gebieten konkret tun können. Das kann von der Vorgehensweise durchaus unterschiedlich sein. Deshalb bin ich dankbar für die Unterstützung der  Brüder vor Ort.

Was ändert sich denn für die Gemeinden der früheren Gebietskirche Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland?

Sie müssen sich an einen anderen Menschen gewöhnen. Menschen sind unterschiedlich, wobei ich empfinde, dass Bezirksapostel Koberstein und ich von unserer Art, auf Menschen zuzugehen, durchaus ähnlich sind. Deshalb denke ich nicht, dass es für die Gemeinden hier eine so ganz dramatische Veränderung geben wird.

Bezirksapostel Koberstein, in Ihrem ehemaligen Arbeitsbereich lebt Stammapostel Schneider. Sie waren damit auch sein Bezirksapostel, vielleicht auch sein verantwortlicher Seelsorger. Wie oft haben Sie die Möglichkeit für einen Seelsorgebesuch bei ihm genutzt?

(lacht) Kein einziges Mal. Ich hatte auch nie den Gedanken gehegt, das zu tun. Aber wir hatten bei vielen Begegnungen die Chance, uns auszutauschen und viel miteinander zu sprechen, auch in den Arbeitsgremien, in der Koordinationsgruppe und bei weiteren Gelegenheiten. Es verging eigentlich kein Monat, in dem wir nicht zusammen waren, oft über mehrere Tage.

Bezirksapostel Koberstein, wenn Sie auf Ihre Zeit als Bezirksapostel zurückblicken, welche Entwicklungen sehen Sie da als Meilensteine?

Einen Meilenstein sehe ich sicherlich in der Entwicklung der ökumenischen Beziehungen. Da ist vieles zusammengewachsen und wir sind auf einem sehr guten Weg. Mein Eindruck ist auch, dass die Aktivität im Kreis der Jugendlichen intensiver geworden ist. Sie sind begeistert und bereit, Aufgaben zu übernehmen, dem Herrn zu dienen. Das ist etwas, was mich sehr freut; ebenso eine Entwicklung bei Brüdern und Schwestern, die Tätigkeiten in der Kirche übernehmen, für die man kein Amt braucht. Sie bringen ihre Gaben, ihre Kompetenzen ein. Diese Entwicklung freut mich, wie auch die Tatsache, dass wir jetzt in den großen afrikanischen Ländern meines ehemaligen Bereichs jeweils einen Apostel haben.

Bezirksapostel Koberstein, wie oft sind Sie in die afrikanischen Länder gereist?

Es war unterschiedlich. Ich begann ja als Apostel in 2006. Da war ich etwa viermal im Jahr in diesen Ländern. Als Bezirksapostel habe ich versucht, die großen Länder einmal jährlich zu besuchen, aber auch das war der Verhältnisse wegen nicht immer machbar. Oft war es gar nicht möglich, in die politisch instabilen Länder wie zum Beispiel Mali einzureisen. Insgesamt aber wollte ich doch einmal im Jahr in diese Länder reisen, denn da lebte der größte Teil der von mir betreuten Glaubensgeschwister.

Sie haben die französische Sprache gut gelernt. Wie werden Sie Ihre Sprachkenntnisse in Zukunft einsetzen? Vielleicht als Übersetzer für den Verlag?

Meine französischen Sprachfähigkeiten sehe ich keineswegs als gut an. Mir war die Geste den Geschwistern in Frankreich gegenüber wichtig, ihre Sprache zu lernen. Es war nicht alles perfekt, aber sie haben es akzeptiert. In der Tat habe ich aber den Wunsch, das Erworbene nicht zu verlieren. Ich werde also immer mal wieder nach Frankreich reisen und mich bemühen, Französisch weiterzusprechen, weil es einfach auch eine schöne Sprache ist.

Bezirksapostel Storck, parlez-vous français?

Äh … un petit peu …

Sie sprechen Englisch. Wie sieht es mit Französisch, Niederländisch, Portugiesisch aus? Das ist ja eine ziemliche Sprachenvielfalt in den Ländern, die Sie betreuen.

Mir kommt zugute, dass ich bis zum Abitur Englisch gelernt habe, dass ich zum Schüleraustausch in England gewesen bin, dass ich in der Phase, als die ersten Flüchtlinge aus Indien und aus Ghana kamen, mitgeholfen habe beim Besuch der Gäste. Wir haben sie in die Gemeinden eingeladen. Damals habe ich als junger Priester dann Gottesdienste in englischer Sprache gehalten. Das alles war jetzt 25 Jahre vergraben, aber ich kann darauf zurückgreifen.

Was die anderen Sprachen angeht: Mein Anspruch war immer, auch Portugiesisch zu lernen. Dazu reicht allerdings die Zeit einfach nicht. Es ist aber mittlerweile so, dass ich Gespräche in Portugiesisch – zumindest was das Zuhören angeht – einigermaßen gut verfolgen kann. Ich bekomme das also mit und kann nachhaken. Die Liturgie spreche ich in den portugiesisch-sprachigen Ländern und in den Niederlanden komplett in der jeweiligen Landessprache. Ich werde dann also auch versuchen, die liturgischen Formeln in Französisch zu sprechen.

Wie viele Sprachen werden in Ihrem Arbeitsbereich gesprochen? Haben Sie da einen Überblick?

Wir haben von Französisch gesprochen, von Portugiesisch, Niederländisch, Deutsch; Englisch wird beispielsweise in Gambia gesprochen. Dann haben wir noch Russisch, Georgisch, Türkisch und weitere Sprachen in den kleineren Gebieten, beispielsweise in Nahost oder Nordafrika. Ich denke mal, es werden bestimmt zwanzig offizielle Sprachen sein. Wenn ich dann an die Stammessprachen in Westafrika denke, wenn ich an Angola denke, dann kommen noch dreißig Stammessprachen dazu. Wir haben es sicherlich mit über fünfzig Sprachen zu tun.

Bezirksapostel Koberstein, wie haben Sie es geschafft, auf die unterschiedlichen kulturellen Bedürfnisse der Geschwister in den verschiedenen Ländern einzugehen. Wenn wir jetzt nach Frankreich sehen, das unterscheidet sich von Deutschland, und Afrika ist sicherlich wieder etwas völlig anderes. Wie kann man sich darauf einstellen?

Für mich ist der beste Schlüssel zu allen kulturellen Unterschieden die Liebe. Da, wo man wirklich die Geschwister liebt, wird man immer einen Weg finden, auf die vorhandene Kultur zu reagieren. Ich habe mir zum Beispiel nie vorgenommen, meine Brüder in Afrika zu europäisch denkenden Männern erziehen zu wollen. Das würde auch nicht funktionieren. Da, wo ich sie wirklich liebe, akzeptiere ich ihr Anderssein. Insofern empfand ich diese Erfahrungen als eine große Bereicherung, denn daraus wuchs auch eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit manchen Ereignissen im deutschen Bereich, über die man sich früher vielleicht aufgeregt oder geärgert hätte.

Bezirksapostel Storck: Bezirksapostel Koberstein sprach von Liebe. Ich möchte ergänzen: Was man lernen muss, ist das Zuhören. Es sind schon so viele falsche Entscheidungen getroffen worden, weil eine Situation falsch eingeschätzt wurde und man nicht lange und intensiv genug zugehört hat. Der größte Fehler, den man machen kann, ist den Eindruck zu erwecken, dass alles sofort nach den eigenen Vorstellungen geht. Wenn man also vorsichtig vorgeht, zuhört, kann man auf dieser Basis richtige Entscheidungen treffen. Zuhören und Verstehen sind ganz wichtig.

Das Interview entstand in Zusammenarbeit mit der Redaktion von „Unsere Familie“. Die Veröffentlichung in der Zeitschrift ist für Ausgabe 10/2018 vom 20. Mai 2018 vorgesehen.

Text: Frank Schuldt, NAK West
Fotos: Marcel Felde